Willkommen zurück, Herr Yermoloff!

Als ich letzten Oktober, zum ersten Mal nach längerer Abwesenheit, wieder den St. Marxer Friedhof besuchte, vermisste ich eines seiner bedeutendsten Grabdenkmäler: jenes des russischen Generals Alexander Ritter von Yermoloff.

Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 30. Okt. 2011)

Yermoloff hatte sich nach seiner Pensionierung in Wien niedergelassen und mehrere Herrschaften in Niederösterreich, darunter Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen, erworben. Nach seinem Tod im Frühjahr 1835 erhielt er ein standesgemäßes Grabmal in St. Marx. Der Schriftsteller und Topograf Adolf Schmidl bezeichnete es 1838 als „das großartigste Monument“ des ganzen Friedhofs.1 Nun aber stand ich an dem Ort, wo es sich eigentlich befinden sollte, und fand an seiner Stelle – eine Baustelle.

Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 10. Okt. 2020)

Offenbar war man gerade dabei, das Denkmal einer umfassenden Restaurierung zu unterziehen. Immerhin der Sockel und das Fundament ragten noch, frisch aufgemauert, aus der Erde. Von der quadratischen, an einen Sarkophag gemahnenden Stele im Zentrum des Monuments stand jedoch nur der untere Teil aufrecht an seinem Platz. Der obere Abschluss, der die Form einer getreppten Pyramide hat, lag auf einigen Paletten daneben.

Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 10. Okt. 2020)

Was völlig fehlte, war indes die fast lebensgroße Skulptur, die üblicherweise an der Stele lehnt. Ich konnte nur vermuten, dass sie sich gerade irgendwo in einer Restaurierungswerkstätte befand.

Als ich vierzehn Tage später erneut für einen Spaziergang auf den Friedhof zurückkam, war sie aber schon wieder an Ort und Stelle, und auch die übrigen Teile des Grabmals waren wieder zusammengefügt.

Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 25. Okt. 2020)
Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 25. Okt. 2020)

Wiederum knapp zwei Wochen darauf fand ich auch das niedrige Gitter, das das Monument umschließt, zurück an seinem Platz und dem Anschein nach frisch gestrichen. Das frisch restaurierte Denkmal präsentierte sich nun wieder so strahlend und blank wie zuletzt wohl bei seiner Aufstellung im Jahr 1835 …

Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 6. Nov. 2020)
Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 6. Nov. 2020)

Im Gegensatz zu den zuletzt hier vorgestellten Denkmälern in St. Marx stammt das Yermoloff-Grabmal nicht aus serieller Produktion, sondern ist ein hochwertiges Einzelstück von einem namhaftem Künstler. Es wurde von Johann Nepomuk Schaller (1777–1842), einem der wichtigsten österreichischen Bildhauer des Biedermeier, geschaffen. Schaller hatte unter anderem bei Franz Anton von Zauner studiert und sich später in Rom bei Antonio Canova und Bertel Thorvaldsen fortgebildet. Seine bekanntesten Werke sind das Andreas Hofer-Denkmal in der Innsbrucker Hofkirche und die Figur der Hl. Margarete am Margaretenbrunnen in Wien. Die Schwerpunkte von Schallers Œuvre bilden jedoch Porträtbüsten (u. a. für das österreichische Kaiserhaus) und Figuren bzw. Figurengruppen nach antiken Sujets, darunter ein Verwundeter Krieger, ein Jugendlicher Amor und Bellerophon im Kampf mit der Chimaira (alle drei heute im Wiener Belvedere).

Wie die zuletzt gelisteten Werke orientiert sich die Grabfigur für Yermoloff sowohl thematisch als auch stilistisch an der klassischen Antike. Die Skulptur zeigt einen geflügelten Todesgenius, ein Motiv, das in der Kunst der alten Griechen und Römer entwickelt und im Klassizismus des späten 18. Jahrhunderts wiederaufgegriffen worden war. Auch noch im Biedermeier zählten solche Todesgenien zu den Standards der Friedhofskunst, meist wie hier mit einer gesenkten, verlöschenden Fackel als Symbol des erloschenen Lebens in der Hand. Allein in St. Marx findet man bis heute zahlreiche Figuren dieser Art – aber kaum eine ist so groß und so qualitätsvoll wie jene von Schaller.

Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 25. Okt. 2020)

So wie sie sich heute präsentiert, hat die Skulptur am Yermoloff-Grab freilich auch ihre Schwächen. Besonders das Gesicht wirkt merkwürdig schematisch und weniger lebendig, als man es von Schallers übrigen Arbeiten gewohnt ist. Es gehört allerdings auch gar nicht zum Originalbestand des Monuments: Noch 1977 schrieb Selma Krasa-Florian in ihrer Monographie über Schaller, dass der Grabfigur „Kopf und beide Hände fehlen“.2 Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass die Figur in der Linken einen Kranz gehalten haben dürfte, von dem noch Ansätze am Gewand zu erkennen seien.

Kopf und Hände wurden irgendwann in den letzten 40 Jahren ergänzt, der Kranz fehlt bis heute. Weit schwerer wiegt jedoch ein anderer Verlust: Wie der schon eingangs zitierte Adolf Schmidl 1838 festhielt, gehörten zu dem Denkmal ursprünglich auch wertvolle Metallarbeiten, von denen schon lange jede Spur fehlt. So heißt es bei Schmidl über das Yermoloff-Grab:

„Der Granitsarkophag enthält auf den vier Seiten Tafeln von Goldbronze, welche das ausdrucksvolle Bildnis des Verstorbenen, dessen Wappen und die Epitaphien in deutscher und russischer Sprache enthalten. Geschmackvolle Verzierungen von grüner Bronze sind an den Ecken und dem Sarkophagdeckel angebracht, auf welchem sich ein Kreuz erhebt, gleichfalls von grüner Bronze. An das Denkmal lehnt sich die lebensgroße Gestalt des Genius des Todes.“3

Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 6. Nov. 2020)

Auch wenn das Monument nach der eben abgeschlossenen Restaurierung dem Augenschein nach „wie neu“ dasteht, so zeigt ein Blick in die schriftliche Überlieferung also, dass das heute Sichtbare keineswegs dem Originalzustand entspricht. Man könnte sogar sagen: Mit den Inschriftentafeln und dem Porträtrelief des Verstorbenen sind die eigentlichen Kernelemente des Erinnerungsmals verlorengegangen, und alles was noch erhalten ist, fällt bloß in die Rubrik ‚schmückendes Beiwerk‘.

Hübsch ist das Denkmal aber natürlich auch in seiner jetzigen, fragmentarischen Form, und da für die Restaurierungsarbeiten einige der umliegenden Sträucher entfernt werden mussten, verschwindet es nun auch nicht mehr wie zuvor in einem Blättermeer, sondern bildet wieder einen echten Blickfang auf dem Weg durch den Friedhof.

Grabmal Yermoloff, St. Marxer Friedhof, Wien (Foto: 3. Dez. 2020)

1. Adolf Schmidl, Wien’s Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise. Nach eigenen Wanderungen geschildert, Wien 1838, Band 2, S. 66.

2. Selma Krasa-Florian, Johann Nepomuk Schaller 1777-1842. Ein Wiener Bildhauer aus dem Freundeskreis der Nazarener, Wien 1977, S. 125.

3. Schmidl, Wien’s Umgebungen (wie Anm. 1), S. 66.

(K)ein Weihnachtsbaum in St. Marx

Weihnachtlich geschmücktes Grab am Simmeringer Friedhof, Wien (Dez. 2011)
[im Hintergrund das neugotische Rinnböck-Mausoleum]

Es ist in Wien nicht unüblich, dass man zu Weihnachten auch die Gräber seiner Lieben festlich dekoriert – mit Kerzen, Kränzen, Gestecken und sogar mit Weihnachtsbäumen. Nur am St. Marxer Friedhof sucht man solchen Schmuck zumeist vergeblich. Zu lange sind die hier Begrabenen schon tot, als dass sich noch Angehörige fänden, um ihre Grabstellen für die Feiertage aufzuputzen. Immerhin wurde der Friedhof ja schon vor bald 150 Jahren aufgelassen …

Unlängst stach mir an einem der Gräber in St. Marx aber doch ein Baum ins Auge. Es war allerdings keine Blaufichte und keine Nordmanntanne, sondern ‚nur‘ eine Trauerweide. Ein Baum also, der wegen seiner hängenden Zweige traditionell als Symbol der Trauer gilt und dementsprechend oft auf Friedhöfen und Grabmälern zu finden ist. Etwas schematisch, aber doch klar erkennbar in Stein gemeißelt, prangt die Trauerweide, die ich meine, am Grabstein der ‚bürgl. Küchengärtnerstochter‘ Anna Krenn, die mit gerade einmal elf Jahren im November 1866 an Typhus starb.

Grabstein Anna Krenn, St. Marxer Friedhof, Wien (Okt. 2020)

Der Grabstein fiel mir bei meinem Besuch im Oktober auf, weil er gerade frisch restauriert war und sich daher deutlich von den altersgrauen Monumenten in seiner unmittelbaren Umgebung abhob. Es handelt sich um eine elegante, schlanke Stele mit leicht zugespitztem Abschluss. Über dem Sockel trägt sie zunächst das Relief eines mit Schleifen umwundenen Blumenkranzes, darüber die obligatorische Inschrifttafel, zuoberst schließlich die erwähnte Trauerweide.

Grabstein Anna Krenn, St. Marxer Friedhof, Wien (Okt. 2020)

Leider habe ich in meinem Fundus kein älteres Foto dieses Denkmals, um hier einen vorher/nachher-Vergleich präsentieren zu können. Wie der Grabstein vor der Restaurierung ausgesehen haben mag, kann man jedoch an anderer Stelle im Friedhof nachvollziehen.

Wie die meisten Denkmäler in St. Marx ist nämlich auch jenes für Anna Krenn kein Einzelstück, sondern das Produkt serieller Fertigung in einem der großen Steinmetzbetriebe, die damals mit teils über hundert Mitarbeitern den Bedarf an Grabdenkmälern in Wien und Umgebung deckten. Nach demselben Modell gearbeitete Monumente begegnen einem in St. Marx daher immer wieder …

Grabstein Anna Neubauer, St. Marxer Friedhof, Wien (Nov. 2020)

So etwa am Grab der 68-jährigen Fuhrmannswitwe Anna Neubauer, gestorben im März 1865 an einem Lungenödem. Hier ist sie wieder, die Trauerweide, doch diesmal an einem Stein, der noch grau, verwittert und moosbewachsen erst einer zukünftigen Restaurierung harrt.

Grabstein Anna Neubauer, St. Marxer Friedhof, Wien (Nov. 2020)

Vergleicht man die beiden Denkmäler, erkennt man freilich auch, dass serielle Produktion keineswegs völlige Uniformität bedeutete. Die Steine wurden immer noch von Hand bearbeitet, was durchaus Variationen im Detail zuließ. So ist der Neubauer-Grabstein in den Proportionen breiter und gedrungener als jener der Anna Krenn, der Sockel ist einmal mehr abgetreppt, und der reliefierte Kranz samt seiner Schleife ist ein klein wenig anders gestaltet. In der großen Form und in ihrem Aufbau sind beide Monumente aber doch so weit identisch, dass im Gesamteindruck die Übereinstimmungen dominieren.

Grabstein Anton Zeinlhofer, St. Marxer Friedhof, Wien (Nov. 2020)

Noch einen Schritt weiter in den Variationen geht das Grabdenkmal für Anton Zeinlhofer, Oberlehrer und Chorleiter in Erdberg, der im Juli 1866, im Alter von 63 Jahren, dem Zehrfieber erlag. Im Aufbau und in den Proportionen ist es weitgehend identisch mit dem Neubauer-Grab, nur der Kranz erscheint hier wiederum in einer anderen, dritten Variante. Gänzlich anders gestaltet ist indessen der obere Abschluss. Dieser bildet hier nämlich keine Spitze, sondern ist flach und eben – und fungiert als Podest für eine kniende Engelsfigur, die das Denkmal bekrönt!

Grabstein Anton Zeinlhofer, St. Marxer Friedhof, Wien (Nov. 2020)

Natürlich ist das kein Weihnachtsengel, und die Trauerweide darunter ist, wie schon gesagt, kein Weihnachtsbaum, aber das wäre auf einem Friedhof wohl auch zu viel verlangt, und man muss nehmen, was man eben kriegen kann … So verabschiede ich mich mit diesen Bildern in eine kleine Feiertagspause und wünsche allen Leser:innen, die Weihnachten feiern, auf diesem Wege ein frohes Fest!

Grabstein Anna Krenn, St. Marxer Friedhof, Wien (Dez. 2020)

Natürlich, der St. Marxer Friedhof

Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen, wann meine vage Faszination für alte Friedhöfe sich zu einem handfesten Forschungsinteresse ausgewachsen hat, aber zehn Jahre ist es gewiss schon her. Ich weiß auch nicht genau, wie viele Friedhöfe ich seither besucht und besichtigt habe, aber ein paar Dutzend werden es schon sein. Fest steht aber, dass ich keinen davon so oft besucht habe wie jenen von St. Marx, im Südosten Wiens. Das hat zunächst einmal den ganz banalen Grund, dass er in Gehnähe von meiner Wohnung liegt. Er ist also quasi mein Haus- und Hoffriedhof. Er ist aber durchaus auch so etwas wie mein Lieblingsfriedhof – nicht zuletzt, weil er in den bald 150 Jahre seit seiner Schließung als Begräbnisort zu einem phantastisch verwilderten Park geworden ist: Seine Denkmäler werden von alten Kastanienbäumen beschattet, die Gräber und Wege sind von Sträuchern überwuchert. Im Frühjahr blüht hier der Flieder so dicht und üppig wie nirgends sonst in Wien …

Heuer habe ich die Fliederblüte in St. Marx zum ersten Mal seit Jahren versäumt. Im März, als weite Teile Europas in den pandemiebedingten ‚Lockdown‘ gingen, befand ich mich gerade an meinem Zweitwohnsitz in London. Ich beschloss, den Frühling und Sommer über dort zu bleiben, in der leider trügerischen Hoffnung, man würde die Pandemie mit entsprechenden Maßnahmen bis zum Herbst halbwegs in den Griff bekommen. In Gedanken aber zog es mich in dieser Zeit doch immer wieder nach St. Marx, und ich begann, quasi aus der Ferne, ein Buch über den Friedhof zu schreiben und über seine bekannten und unbekannten Toten …

Es war daher nur naheliegend, dass mich mein erster Weg nach St. Marx führte, als ich Anfang Oktober schließlich doch nach Wien zurückkehrte. Der Friedhof hatte sich während meiner Abwesenheit verändert. Seit einigen Jahren läuft nämlich eine großangelegte Instandsetzungskampagne vonseiten der Stadt Wien, und wohl wegen meiner längeren Abwesenheit stach mir der Fortschritt der Arbeiten mehr ins Auge als sonst. Bei meinem Rundgang fielen mir zahlreiche Grabmäler auf, die offenbar seit meinem letzten Besuch im Jänner frisch restauriert worden waren.

Die Kalksteinoberflächen dieser Monumente strahlen nun wieder wie neu, fast wie die weiße Wäsche in der Waschmittelwerbung. Hell und leuchtend heben sich diese Denkmäler nun von ihrer Umgebung ab. So sehr, dass sie beinahe fremd wirken zwischen den altersgrauen Monumenten, die von Regen und Abgasen dunkel geworden, nach wie vor den Charakter des Friedhofs bestimmen …

Noch mehr als die Grabmäler ziehen um diese Jahreszeit jedoch die Berberitzensträucher die Aufmerksamkeit auf sich. Anfang, Mitte Oktober, wenn ihre kleinen Früchte reif sind, scheint es, als wäre der Friedhof mit roten Farbtupfern besprenkelt.

An den Bäumen beginnen sich derweil die Blätter gelblich zu verfärben, während an manchen Stellen wilder Wein sich tiefrot über die Gräber rankt.

Die Fliederblüte habe ich dieses Jahr versäumt – aber wenn ich ehrlich bin, dann ist mir der Friedhof ohnehin am liebsten, wenn der Herbst in seinen Mauern Einzug hält.

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