Das Brahms-Grabmal von Ilse Conrat (Bildhauerinnen am Zentralfriedhof 1)

Beitrag zur Blogparade #femaleheritage der Monacensia München

Wien, Zentralfriedhof, Partie aus dem ‚Musikerboskett‘ mit den Grabmälern der Komponisten Adolf Müller, Franz Schubert und Johannes Brahms

Mehr noch als die Malerei war das Feld der Skulptur lange Zeit eine fast reine Männerdomäne. Zwar gab es spätestens seit der Renaissance immer wieder auch Frauen, die sich erfolgreich als Bildhauerinnen betätigten – eine Properzia de’ Rossi ließe sich hier ebenso anführen wie etwa Luisa Roldán oder Marie-Anne Collot – doch blieben diese in ihrer jeweiligen Zeit und Umgebung meist isolierte Ausnahmeerscheinungen. Erst in den Jahren um 1900 konnten Frauen sich in größerer Zahl als Bildhauerinnen etablieren und ihre Werke regelmäßig in prominenten Kunstausstellungen, aber auch im öffentlichen Raum platzieren. Ein wichtiges Betätigungsfeld bildete dabei, genau wie für ihre männlichen Kollegen, die Grabskulptur.

Auch unter den Grabdenkmälern am Wiener Zentralfriedhof findet man daher gar nicht so wenige Werke von Bildhauerinnen aus dem beginnenden 20 Jahrhundert. Das obige Foto etwa zeigt eine Partie aus dem ‚Musikerboskett‘ (Gruppe 32A) der dortigen Ehrengräberabteilung: Gleich zwei der drei darauf zu sehenden Denkmäler wurden von Frauen geschaffen.

Wien, Zentralfriedhof, Grabdenkmal für Adolf Müller, 1904

Da ist zunächst links im Vordergrund das vergleichsweise schlichte Monument für den Theaterkomponisten Adolf Müller, eine steinerne Stele mit einem Bronzemedaillon, das ein Porträt des Verstorbenen zeigt. Zeitungsberichte über die Enthüllung des Monuments im November 1904 bezeichnen es als „ein Werk der Bildhauerin Fräulein Brosch“.1 Leider ist es mir nicht gelungen, weitere Informationen über diese Künstlerin aufzuspüren. Nicht einmal ihren Vornamen konnte ich bislang herausfinden. Zwar ist das Relief signiert, doch gerade der Vorname besteht aus nicht viel mehr als einigen groben Kerben im Metall, die sich nicht schlüssig entziffern lassen …

Es gibt am Wiener Zentralfriedhof aber auch Denkmäler von Bildhauerinnen, bei denen wir wesentlich mehr über die Urheberinnen wissen – und die auch künstlerisch spannender sind als der doch eher biedere Gedenkstein für Adolf Müller. Drei davon will ich heute und in den kommenden Wochen als eine kleine Serie vorstellen.

Wien, Zentralfriedhof, Grabdenkmal für Johannes Brahms, 1902–1903

Nur wenige Schritte vom Müller’schen Denkmal entfernt steht jenes für den ungleich berühmteren Johannes Brahms, das in den Jahren 1902–1903 von Ilse Conrat (1880–1942) geschaffen wurde.

Conrat war gebürtige Wienerin und wuchs in ihrer Heimatstadt in einem großbürgerlichen, musik- und kunstaffinen Elternhaus auf. (Ihre jüngere Schwester war die bekannte Kunsthistorikerin Erica Tietze-Conrat.) In Wien erhielt sie durch Josef Breitner auch ihren ersten Unterricht in der Bildhauerei, ehe sie 1898 nach Brüssel ging, um ihre Ausbildung bei Charles van der Stappen fortzusetzen.

Ilse Conrat
[aus: Anton Hirsch, Die bildenen Künstlerinnen der Neuzeit,
Stuttgart 1905 (Quelle: Wikimedia Commons/gemeinfrei)]

1901 nach Wien zurückgekehrt, konnte Ilse Conrat sich rasch als Künstlerin etablieren und erhielt zahlreiche Aufträge, vor allem für Grabmäler und Porträtbüsten. In den folgenden Jahren stellte sie regelmäßig in der Wiener Secession, aber auch in München, Breslau, Rom und Venedig aus. 1910 wurde sie Vizepräsidentin der neugegründeten Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) und beteiligte sich in dieser Funktion an der Organisation der wegweisenden Ausstellung Die Kunst der Frau in der Secession. Im selben Jahr heiratete sie den preußischen Generalmajor Ernst August Dobrogast von Twardowski und begab sich mit ihm für mehrere Jahre auf Reisen. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, ließ sich das Paar schließlich in München nieder.

Die wirtschaftlich schwierige Lage während und nach dem Krieg führte zu einem drastischen Rückgang der Aufträge für die Bildhauerin. Conrat musste sich zunehmend auf das Gestalten kleinerer Objekte für die Porzellanmanufaktur Allach verlegen. Dank der Förderung durch Ilse Leembruggen konnte sie aber auch in der Zwischenkriegszeit noch einige größere Arbeiten ausführen.

Obwohl Conrat jüdischer Abstammung war, konnte sie sich anfänglich für die Ideologie des Nationalsozialismus erwärmen. Erst als ihr 1935 die Mitgliedschaft in der Reichskammer der bildenden Künste verwehrt wurde, was de facto einem Berufsverbot gleichkam, begann ihre Begeisterung für die neuen Machthaber zu schwinden. Die Künstlerin zog sich in der Folge in die ‚innere Emigration‘ zurück. Als sie im Sommer 1942 deportiert werden sollte, nahm sich Ilse Conrat das Leben.

Wien, Zentralfriedhof, Grabdenkmal für Johannes Brahms, 1902–1903

Das Grabmal für Johannes Brahms war Conrats erste größere öffentliche Arbeit. Was sie für diesen Auftrag ‚qualifizierte‘, war neben ihrem Talent auch der Umstand, dass Brahms zu Lebzeiten in engem Kontakt zu ihrer Familie gestanden war und sie schon unmittelbar nach seinem Tod 1897 eine vielbeachtete Porträtbüste des Komponisten geschaffen hatte. Obwohl Brahms in einem von der Stadt Wien gewidmeten Ehrengrab bestattet wurde, dauerte es nach seinem Tod noch einige Jahre, bis aus Spenden und dem Erlös von Benefizkonzerten genug Geld beisammen war, um ihm ein prachtvolles Grabdenkmal zu errichten. Im Oktober 1902 war es schließlich so weit, und Conrats Entwurf wurde vom Wiener Stadtrat bewilligt.2 Etwas mehr als ein halbes Jahr später, am 7. Mai 1903 – Brahms 70. Geburtstag – wurde das fertige Monument feierlich enthüllt.3 Die Wiener Tageszeitung Die Zeit brachte anlässlich dieser Feier eine ausführliche Würdigung des Werks:

„Das von Ilse Conrat ausgeführte Marmordenkmal besteht aus einer außerordentlich lebenstreuen, ungemein fein durchgebildeten Büste des Meisters in jener Stellung, in der ihn das Wiener Concertpublicum bei den Musikaufführungen in der Directionsloge des großen Musikvereinssaales sehen konnte: den schönen, von langem Haar und Bart umrahmten Kopf nachdenklich in die rechte Hand gestützt, während die Linke die auf der Brüstung aufliegende Partitur hält. Die Büste steht auf einem in vornehmen, einfach-ernsten Linien gehaltenen Postament, das architektonisch mit einer gleichsam wie ein Gobelinvorhang wirkenden Reliefwand verbunden ist, von der sich die freistehende Büste scharf abhebt. Das Relief stellt einen sonnigen Hügel dar, zu dessen Höhe ein schlankes nacktes Weib mit hochgehaltener Leier hinanschreitet; von der Leier weht ein flimmernder Schleier herab, dessen einen Zipfel ein trauernder Jüngling inbrünstig an die Lippen führt (…).“4

Wien, Zentralfriedhof, Grabdenkmal für Johannes Brahms, 1902–1903

Die inhaltliche Bedeutung der beiden Relieffiguren im Hintergrund umriss die Künstlerin selbst mit den folgenden Worten: „Die Muse trägt die ausgeklungene Leier wie ein Heiligtum gegen den Himmel, gleichsam, als wollte sie das köstliche Kleinod der Gottheit zurückstellen. Ein Schleier weht von der Leier herab; es ist die unsterbliche Musik des Meisters, die unter uns fortlebt! Der Jüngling drückt den Schleier an seine Lippen und bringt das tönende Vermächtnis der Menschheit hinunter zum Trost!“5

Die Auf- und Abwärtsbewegung der beiden Figuren findet ihr Echo im architektonischen Rahmen des Grabmals: Ein flacher Bogen mit jugendstil-mäßigem Schwung bildet dessen oberen Abschluss. Wie man heute weiß, war an der Konzeption des Monuments tatsächlich auch ein Experte aus dem Baufach beteiligt: der belgische ‚Stararchitekt‘ Victor Horta, den Conrat aus ihrer Brüsseler Zeit kannte.6

Wien, Zentralfriedhof, Grabdenkmal für Johannes Brahms, 1902–1903

Trotz der Beteiligung Hortas kann jedoch kein Zweifel bestehen, dass Qualität und Bedeutung des Brahms-Denkmals am Zentralfriedhof primär im Bereich des Skulpturalen liegen. Vor allem das subtile Relief der Hintergrundwand zählt mit zum Besten, was die Wiener Grabskulptur um 1900 zu bieten hat: Die den Betrachter:innen zugewandte Seite der Figuren ist plastisch und voluminös herausgearbeitet; die abgewandte Seite hingegen – nicht zuletzt der Kopf der Frau–, aber auch Lyra und Schleier sind so flach und so fein gearbeitet, dass sie sich fast malerisch in der Hintergrundfläche aufzulösen scheinen. Mehr noch als in der Porträtbüste des Verstorbenen zeigt sich hier die technische Meisterschaft der Bildhauerin Ilse Conrat.

Wien, Zentralfriedhof, Grabdenkmal für Johannes Brahms, 1902–1903
(Detail: Signatur Ilse Conrats)

Quellen / Lektüreempfehlungen

Ausführlichere, teils illustrierte Beschreibungen von Ilse Conrats Leben bieten:


1. Neues Wiener Tagblatt, 10. Nov. 1904, S. 9 [digital auf ANNO]. Mehr oder weniger wortgleiche Formulierungen erschienen auch in anderen Wiener Blättern, z. B. in: Wiener Bilder, 16. Nov. 1904, S. 7 [digital auf ANNO].

2. Wiener Zeitung, 16. Oktober 1902, S. 7 [digital auf ANNO].

3. Vgl. Ostdeutsche Rundschau, 7. Mai 1903, S. 2 [digital auf ANNO]; Die Zeit, 7. Mai 1903 (Abendblatt), S. 3 [digital auf ANNO].

4. Die Zeit, 6. Mai 1903 (Abendblatt), S. 4 [digital auf ANNO].

5. Ostdeutsche Rundschau, 7. Mai 1903, S. 2 [digital auf ANNO].

6. Vgl. Sabine Plakolm-Forsthuber, Stein der Sehnsucht, Stein des Anstoßes: drei Bildhauerinnen der Jahrhundertwende, in: Die Frauen der Wiener Moderne, hrsg. von Lisa Fischer u. Emil Brix, Wien 1997, S. 179-193, hier S. 187.

Spätherbst am Zentralfriedhof

In den nächsten Wochen werde ich hier eine Reihe von Grabskulpturen am Wiener Zentralfriedhof vorstellen. Kurz vor Allerheiligen, am einzigen Sonnentag in einer sonst regengrauen Woche, war ich daher noch schnell dort, um Fotos für die Beiträge zu machen. Natürlich konnte ich nicht widerstehen, dabei auch ein paar Herbstimpressionen festzuhalten. Heute daher ausnahmsweise ein (fast) reiner Fotobeitrag …

Natürlich, der St. Marxer Friedhof

Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen, wann meine vage Faszination für alte Friedhöfe sich zu einem handfesten Forschungsinteresse ausgewachsen hat, aber zehn Jahre ist es gewiss schon her. Ich weiß auch nicht genau, wie viele Friedhöfe ich seither besucht und besichtigt habe, aber ein paar Dutzend werden es schon sein. Fest steht aber, dass ich keinen davon so oft besucht habe wie jenen von St. Marx, im Südosten Wiens. Das hat zunächst einmal den ganz banalen Grund, dass er in Gehnähe von meiner Wohnung liegt. Er ist also quasi mein Haus- und Hoffriedhof. Er ist aber durchaus auch so etwas wie mein Lieblingsfriedhof – nicht zuletzt, weil er in den bald 150 Jahre seit seiner Schließung als Begräbnisort zu einem phantastisch verwilderten Park geworden ist: Seine Denkmäler werden von alten Kastanienbäumen beschattet, die Gräber und Wege sind von Sträuchern überwuchert. Im Frühjahr blüht hier der Flieder so dicht und üppig wie nirgends sonst in Wien …

Heuer habe ich die Fliederblüte in St. Marx zum ersten Mal seit Jahren versäumt. Im März, als weite Teile Europas in den pandemiebedingten ‚Lockdown‘ gingen, befand ich mich gerade an meinem Zweitwohnsitz in London. Ich beschloss, den Frühling und Sommer über dort zu bleiben, in der leider trügerischen Hoffnung, man würde die Pandemie mit entsprechenden Maßnahmen bis zum Herbst halbwegs in den Griff bekommen. In Gedanken aber zog es mich in dieser Zeit doch immer wieder nach St. Marx, und ich begann, quasi aus der Ferne, ein Buch über den Friedhof zu schreiben und über seine bekannten und unbekannten Toten …

Es war daher nur naheliegend, dass mich mein erster Weg nach St. Marx führte, als ich Anfang Oktober schließlich doch nach Wien zurückkehrte. Der Friedhof hatte sich während meiner Abwesenheit verändert. Seit einigen Jahren läuft nämlich eine großangelegte Instandsetzungskampagne vonseiten der Stadt Wien, und wohl wegen meiner längeren Abwesenheit stach mir der Fortschritt der Arbeiten mehr ins Auge als sonst. Bei meinem Rundgang fielen mir zahlreiche Grabmäler auf, die offenbar seit meinem letzten Besuch im Jänner frisch restauriert worden waren.

Die Kalksteinoberflächen dieser Monumente strahlen nun wieder wie neu, fast wie die weiße Wäsche in der Waschmittelwerbung. Hell und leuchtend heben sich diese Denkmäler nun von ihrer Umgebung ab. So sehr, dass sie beinahe fremd wirken zwischen den altersgrauen Monumenten, die von Regen und Abgasen dunkel geworden, nach wie vor den Charakter des Friedhofs bestimmen …

Noch mehr als die Grabmäler ziehen um diese Jahreszeit jedoch die Berberitzensträucher die Aufmerksamkeit auf sich. Anfang, Mitte Oktober, wenn ihre kleinen Früchte reif sind, scheint es, als wäre der Friedhof mit roten Farbtupfern besprenkelt.

An den Bäumen beginnen sich derweil die Blätter gelblich zu verfärben, während an manchen Stellen wilder Wein sich tiefrot über die Gräber rankt.

Die Fliederblüte habe ich dieses Jahr versäumt – aber wenn ich ehrlich bin, dann ist mir der Friedhof ohnehin am liebsten, wenn der Herbst in seinen Mauern Einzug hält.

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